Article in German about the National School of Administration:

 

 

Montag 10. Januar 2005, 14:57 Uhr

Murrende Schüler, eine Klage und Rufe nach Reformen

Straßburg (AFP) - Murrende Schüler, eine Klage und lautstarke Rufe nach Reformen - sechs Jahrzehnte nach ihrer Gründung steht Frankreichs Kaderschmiede École nationale d'administration (ENA) im Kreuzfeuer der Kritik. Doch davon ließen sich die rund 160 neuen "Enarchen", wie die Musterschüler in Frankreich halb ironisch halb respektvoll genannt werden, bei ihrem feierlichen Schulbeginn am Montag die Stimmung nicht verderben. Zumal der Pariser Minister für den Öffentlichen Dienst, Renaud Dutreil, den Neuankömmlingen versicherte, nun würde alles besser werden.

Als ersten Schritt wertete Dutreil den nun vollzogenen Umzug von Paris nach Straßburg. Zwar war die Verlagerung schon 1991 beschlossen worden - angesichts heftiger Proteste gegen die "Verbannung in die Provinz" blieb der Unterricht aber auf Paris und Straßburg verteilt. Damit ist nun Schluss: Die Neuankömmlinge, die sich am Montag im Hörsaal des Straßburger ENA-Gebäudes einfanden, werden als erste ihre ganze Schulzeit in der Elsass-Metropole absolvieren.

Dies sei ein "historischer Moment", betonte Dutreil. Bisher sei die ENA das "Symbol des französischen Staates" gewesen; mit dem Umzug in die Europa-Stadt Straßburg zeige sie ihren Willen, sich nach außen zu öffnen. Sie solle zu einer international anerkannten Hochschule werden, die "moderne, effiziente Manager" für den öffentlichen Dienst ausbilde - und sich dabei auch vom Beispiel anderer Länder inspiriere.

Noch ist die ENA davon weit entfernt. Schließlich hatte sie vor allem die Aufgabe, Frankreichs hohe Beamte sozusagen aus einem Guss auszubilden. Seit Gründung der Schule 1945 besetzen ihre Absolventen Schlüsselpositionen in Politik und Wirtschaft. Staatspräsident Jacques Chirac gehört ebenso zum einflussreichen Netzwerk der "Enarchen" wie sein Vorgänger Valéry Giscard d'Estaing, mehrere Regierungschefs und zahllose Minister oder Firmenbosse.

Experten forderten unter anderem einen international anerkannten ENA-Abschluss - etwa einen "Master" für öffentliche Verwaltung. Auch die Lehrinhalte müssten sich ändern, wenn die ENA mehr hochkarätige Studenten aus dem Ausland anziehen wolle, moniert der 34-jährige Diplomat Vincent Klassen aus Kanada, der seit Januar 2003 an der ENA studiert. In der Kritik stehen zudem die Ranglisten für ENA-Absolventen. Nach diesem System darf der beste Absolvent unter allen Posten aussuchen, die für ENA-Schüler reserviert sind - gefolgt von Zweitbesten und so fort. Die Letzten haben kaum noch Auswahl. 76 französische ENA-Absolventen klagten dagegen beim Pariser Staatsrat, dem höchsten französischen Verwaltungsgericht - einer Einrichtung, die ihre besten Posten ebenfalls mit "Enarchen" besetzt.

Auch der endgültige Umzug nach Straßburg bereitet manchen Bauchschmerzen. "Eine absurde Entscheidung", ärgert sich ein Student, der lieber anonym bleiben will. Zahlreiche Lehrkräfte arbeiteten in den Pariser Ministerien und müssten immer eigens anreisen. Der Umzug in die Provinz sei der "Abschied vom Prestige", monierte das Wirtschaftsmagazin "L'Expansion". Schon jetzt seien Pariser Eliteschulen wie das renommierte Institut des Etudes Politiquesviel attraktiver. Solche Argumente weist Schulleiter Antoine Durrleman als Ausdruck einer überholten Fixierung auf Paris zurück. Die ENA brauche das "Label Paris" nicht, betont er. "Wir haben schließlich unseren Ruf."

Der Palästinenser Asem Khalil kann die Standort-Diskussion nicht recht nachvollziehen. Das sei doch nebensächlich, meint der 28-Jährige, der in der Schweiz Internationales Recht studiert hat. Er gehört zu den 39 ausländischen Schülern aus 30 Ländern des neuen Jahrgangs. Khalil hofft vor allem, dass die Schule ihm das Rüstzeug für eine Führungsposition verschafft - und dass er diese eines Tages in einem unabhängigen Palästinenserstaat ausüben kann.